Eine historische Vermessungskarte Europas, durch achtfache Faltung zum Kaleidoskop transformiert: Karbonfaserstäbe markieren die Distanzlinien auf einem dehnbaren Gewebe, das sich von der Fläche in den Raum auffaltet — eine wandelbare Struktur über die Fragilität von Grenzen.
Bistabile bzw. multistabile Strukturen, die zwei Gleichgewichtszustände kennen, und beispielsweise durch Temperaturveränderungen ihre Form verändern bzw. von einem Zustand in den anderen wechseln, waren der Ausgangspunkt für Birgit Schuhs Überlegungen. Anhand von Verklebungen gerichteter Lagen aus Papier, Pappe und Holzfurnier konzipierte sie flache, reliefartige und skulpturale Objekte, die Feuchtigkeit und Trocknungsprozessen ausgesetzt wurden, wodurch Formveränderungen stattfanden. Diese Experimente zum Prinzip der Multistabilität werden nun mit Materialien aus dem Leichtbau weitergeführt.
Anhand von Faltungen konzipierte Birgit Schuh mit Europa eine Arbeit, in der sie die Zugkräfte und Spannungen des Materials nutzt, um eine skulpturale Auffaltung zu erzeugen.
Ausgehend von ihren Überlegungen zu kartographischen Darstellungen und deren Bezug zur dreidimensionalen Landschaft, überführte sie eine historische Karte des Geodäten Johann Jacob Baeyer (1794–1885) aus dem 19. Jahrhundert in eine Struktur, die sich von der Fläche in den Raum ausdehnt. Baeyer, der als Begründer der europäischen Gradmessung gilt, forschte in einem Länderverbund von 22 Staaten zur Vermessung Europas. Sein Entwurf einer kartographischen Darstellung stützte sich auf die Wegstreckenvermessung europäischer Städte im Norden, Süden, Osten und Westen Europas. Uppsala und Palermo sind der nördlichste und südlichste Punkt dieser Karte. Die sich durch die einzelnen Distanzlinien, die Baeyer in Beziehung zueinander setzte, ergebende geometrische Netz-Darstellung, transformierte Birgit Schuh durch achtfache Wiederholung zu einem Kaleidoskop, das ebenfalls durch komplexe Gleichgewichtsstrukturen charakterisiert ist. Der Kaleidoskop-Körper wurde in Modellen aus unterschiedlichen Materialien erarbeitet und Experimente mit dehnbaren Textilien durchgeführt, auf die Stäbe unter anderem in Holz angebracht wurden. Die sich daraus ergebenden Segmente auf dem aufgespannten Gewebe konstituieren die geometrische Figur im doppelten Sinn. Zum einen fungieren sie als Tragwerk, zum anderen definieren sie die explizite Form.
Die Skulptur Europa besteht aus leichtbauspezifischen Materialien und Techniken. Karbonfaserstäbe markieren die Distanzen auf einem transparenten dehnbaren Gewebe. Das in sich gefaltete, dreh- und wendbare Konstruktionsprinzip erlaubt eine mannigfaltige Anordnung des flexiblen Körpers. Das Kaleidoskop zeigt ein immer gleiches Bild seiner Fläche, durch Manipulationen ergeben sich verschiedene Anordnungen und Ansichten. Die Drapierung des flexiblen Gewebes bedingt seine räumliche Komplexität. Für Birgit Schuh ist dieser fortwährende Transformationsprozess, die immanente Veränderlichkeit der Struktur eine Metapher, um die Fragilität von Grenzen und die Umformung von Landschaften aufzuzeigen.
Gwendolin Kremer, Kustodie der TU Dresden — Auszug aus „Leichter als Luft / Lighter than Air", hesperus print* Verlag Dresden, 2019.
„Die räumliche Übersetzung von zweidimensionalen Formen und Wegstrecken, die Übertragung geometrischer Parameter in Materialien und Markierungen beschäftigen mich. Ich nutze die Potenziale materialimmanenter Eigenschaften und physikalische Vorgänge, um diese in meine künstlerische Praxis, in abstrahierte Formen und Objekte zu übersetzen."